Kaukasus Teil 4, Kurdistan

Posted on Mai 19, 2014 in Kaukasus, WoKi–Trips
Kaukasus Teil 4, Kurdistan

In den nächsten Tagen planen wir, über Georgien am kürzesten Weg nach Armenien einzureisen. Zuvor besuchen wir noch die ehemalige Hauptstadt Armeniens, Ani. Sie liegt in der Türkei, nur durch einen Graben von Armenien getrennt und den biblischen Berg Ararat mit seinen 5.137 m, der ja auch noch auf der türkischen Seite steht.

19. Mai bis 22. Mai 2014
Der Sonnenaufgang taucht den Gipfel und die Statuen in wunderbares Licht, wir schießen noch ein paar Fotos und freuen uns, weil wir gestern (dank Wolfgangs Hartnäckigkeit) schöne Bilder ohne Menschen im Kasten haben.OLYMPUS DIGITAL CAMERAJetzt hat unser Freund von gestern seinen Auftritt. Für die ca. 2 Std. dauernde Fahrt verlangt er TL 100,- (ca. € 35,-) und will auch nicht mit sich handeln lassen. Ok!
ABER, er will bei uns mitfahren, weil sein Auto steht auf der Südseite. Geht nicht, sagen wir, es gibt nur 2 Sitzplätze. „And behind, in the cabin?“ Forbitten !!
„No problem, your wife can sit in the cabin and I in the car to show you the way!“
Na bravo, typisch Turkischmann!
Jetzt habe aber ICH meinen Auftritt. In meinem breitesten mühlviertler Dialekt beschimpfe ich ihn, ziemlich unflätig. Weil ich dabei freundlich lächle, lacht er zurück, der Kümmeltürk!!
Aber eigentlich haben wir keine andere Wahl, also mache ich mich auf einen wilden Ritt durch’s wilde Kurdistan gefasst.
Hinten in der Kabine schaukelt und rüttelt es ganz gewaltig, ich klammere mich am Tisch fest, es gibt ja keinen Sicherheitsgurt. Aber ich habe einen grandiosen PanoramaBlick. Es geht durch entlegene Dörfer, der Weg ist unbefestigt, manchmal gut, dann wieder stark ausgeschwemmt.
Die Landschaft, die Vegetation, die Behausungen für Mensch und Tier („Häuser“ wäre etwas übertrieben) die Menschen selbst und ihre Bekleidung – genauso habe ich mir Kurdistan vorgestellt. Da lasse ich mich gerne durchschütteln.
Bildschirmfoto 2014-10-05 um 05.56.52Wir unterbrechen die Fahrt in Yeni Kale – einer Festungsanlage der Seldschuken, Mamelucken und Osmanen – und werden sofort zum Kaffee eingeladen.OLYMPUS DIGITAL CAMERAWas der Mann serviert schaut zwar wie Kaffee aus, aber schmeckt abscheulich. Es wird erklärt, dass man hier Kaffee aus Pistazien macht.
Ok, Pistazien, geröstet, leicht gesalzen mit einem Glas Rotwein, das passt!
Aber als Kaffee….um Himmels Willen! Und dann das G’scherr mit der Gastfreundschaft. Stehenlassen geht gar nicht, also schütten wir das Gesöff in großen Schlucken hinunter. Da hat es dann viel Wasser gebraucht!
Wir bekommen viele Infos über die regionalen Sehenswürdigkeiten. Weil wir noch eine lange Reise vor uns haben, können wir uns nur für die Cendere Brücke erwärmen, eines der besterhaltenen Denkmäler aus der Römerzeit. Wir haben es nicht bereut.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMein Leidensweg ist noch nicht zu Ende, jetzt geht’s erst richtig los. Über Berg und Tal, Wolfgang braucht manchmal die Geländeuntersetzung um die steilen Kurven zu packen. Vor allem, weil er mit der kostbaren Fracht in der Kabine ein langsameres Tempo fahren muss. Dazu der Pistazienkaffee und das viele Wasser im Magen, ich habe mir vorsorglich schon das SpeibSackerl hergerichtet!!!
Endlich oben angekommen, brauche ich ersteinmal einen Schluck Raki. Wir sind uns aber einig, dass wir den Weg niemals alleine gefunden hätten. Er ersparte uns zwar keine Zeit aber über hundert Kilometer Umweg durch landschaftlich wenig reizvolle Gegend. Diese tollen Eindrücken bleiben unvergessen und ich entschuldige mich gedanklich für den Kümmeltürk!
Wir nehmen die Straße Richtung Katha um dann mit der Fähre bei Kayali über den Atatürk Stausee zu kommen.OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs wird schon eine Brücke gebaut, aber wir dürfen noch mit dem alten Kahn bei herrlichem Wetter hinüberschippern. Im „Hafen“ macht uns ein junger Mann eine Art Toast, als wir ihm sagen, nein deuten, dass wir Hunger haben. Jetzt hat sich mein Magen wieder ganz beruhigt, denn der Toast schmeckt vorzüglich.OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜber Siverek geht es weiter Richtung Van See.
In Dıbarbakir bunkern wir nochmals Grundnahrungsmittel wie Bier, Wein, Wasser und Brot, in dieser Reihenfolge!
Jetzt muss ich rasch ein Loblied auf das türkische Bier singen. Man trinkt hier hauptsächlich Efes Pilsen und das schmeckt wirklich gut. Ich hab ja noch StieglBier im Vorrat, aber das Efes ist ein würdiger Ersatz. Mit 5% Alc. nicht gerade ein Leichtbier, aber das passt schon gut zu uns.
Als wir unseren Einkauf verstaut haben, beginnt es zu schütten. Gewittertürme entladen sich mit Starkregen, Blitz und Donner. Dieses Sauwetter begleitet uns bis zum VanSee.
Nur Regen, Regen, Regen …..einfach trostlos. Wir finden auch keinen guten Nachtplatz, das Tal ist sehr eng, es gibt keine Parkmöglichkeiten. Zudem bewegt man sich immer zwischen 1.500 und 1.900m Seehöhe, da ist es zum Regen auch noch a….kalt! Wir hätten nicht gedacht, dass es in dieser Gegend so viele Pässe gibt man bzw. fährt man faktisch immer auf einer Hochebene.
Auch der VanSee liegt auf 1.800m. Bis dahin müssen wir noch durchhalten und so kommen wir, schon etwas genervt, bis Tatvan. Jetzt hätten wir gerne einen Platz am See.
Um 18h ist hier in der Stadt die Hölle los – verkehrstechnisch meine ich – und wir mitten drin. Nach einigen Irrfahrten durch die Stadt, stehen wir schlussendlich an der Uferpromenade.
Ja, Hartnäckigkeit lohnt sich auch in diesem Fall, das haben wir schon oft bewiesen. Wolfgang und Vunny machen einen langen Spaziergang am See und kommen triefnass heim. Ein gutes Essen versöhnt und wir schlafen völlig unbehelligt und ruhig am Ufer des VanSee.
Am nächsten Tag: Überraschung!
Strahlend blauer Himmel mit angenehmen Temperaturen. Nach der Morgenrunde mit Vunny entscheiden wir, den VanSee auf der Nordseite zu befahren, sie soll landschaftlich die schönere Seite sein. Keine 300m oberhalb liegt frischgefallener Schnee. Der Nemrut Dağı (der große Bruder vom Nemrut mit den Köpfen) ist ein Vulkanberg mit fast 3.000 m, man kann sogar bis zum Kratersee hochfahren, aber Schnee lockt uns heute gar nicht.
Bildschirmfoto 2014-10-05 um 06.01.08

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir machen einen Halt bei den Seldschukengräbern mit einer Moschee von 1477 in Ahlat, mehr Besichtigungen wollen wir hier nicht machen, unser Fokus liegt auf Georgien und Armenien.
Der Van See ist für mich die eigentliche Überraschung, er liegt wunderschön eingebettet in einer herrlich unberührten Natur. Umrahmt von vielen Drei- und Viertausendern, die sich aber jetzt zum Teil in Wolken hüllen. Er ist 5x so groß wie der Bodensee und immer wieder stellen wir fest, dass man sich hier vorkommt wie am Meer. Das andere Ufer ist nicht zu sehen, das Wasser ist türkisblau und es gibt wunderschöne Strände. Menschenleer. In dieser Gegend, wo alle Frauen verschleiert sind bzw. zumindest ein Kopftuch tragen, würde man wohl im Gefängnis landen, wenn man sich im Bikini an den Strand legen möchte.TR_Van10Jetzt gibt es auch für mich einen Dresscode, lange Hosen und zumindest kurzarm Shirt.
Wir stellen uns für unser Mittagspicknick an einen Strand, heute gibt es die letzten Ablinger Frankfurter mit Würstelsenf, die Heimat läßt grüßen.OLYMPUS DIGITAL CAMERAAm nördlichen Ende des VanSee fallen uns die vielen neuen Dächer bei den Häusern und Hütten auf, die glänzen kilometerweit in der Sonne und jetzt wissen wir auch warum. Im Oktober 2011 gab es hier das schreckliche Erdbeben mit Tausenden Toten.
Das nächste Ziel ist Doğubayazit mit dem Berg Ararat. 5.137 m hoch. Die Paßstraße bringt uns sehr nahe an die iranische Grenze. Mit 2.644 m auch ganz schön hoch hinaus.OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Es beginnt wieder zu regnen und wir fahren durch frischgefallenen Schnee. In dieser Höhe leben Menschen mit ihren Tieren in einer Armut bzw. Bescheidenheit, die für uns gar nicht mehr vorstellbar ist. Das Ganze hat für mich fast biblische Züge und man fühlt sich in einer anderen Zeitepoche versetzt (wären da nicht die blauen Plastikplanen) Der Berg Ararat mit der Arche Noah passt hier gut dazu.TR_Gr4Warum alle Plastikplanen in der gesamten Türkei  – aber auch in Armenien und Georgien – zwingend in einem leuchtenden türkis-blau sein müssen, entzieht sich meiner Kenntnis.
Aber woher der Name TÜRKIS-Blau kommt, glaube ich jetzt zu wissen.OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Ararat versteckt sich heute vor uns und so besichtigen wir Ishak Paşa Sarayı, etwa 7 km außerhalb der Stadt Dogubayazit.
Es entpuppt sich als wunderschöner Palast, ein Zauberschloss wie aus 1000 und einer Nacht.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs thront hoch über der Stadt und man kann bis hinauf fahren. Gut so, denn wir suchen einen Nachtplatz und hoffen, dass wir beim Schloß stehen dürfen. Dort spricht uns ein junger Mann an, er bietet einen „Campingplatz“ gleich unterhalb des Palastes an, with hot shower. Ein Zauberwort für uns.
Auch wenn „Camping“ auf dem Schild steht, darf man sich nichts dergleichen erwarten.
Man steht auf einer ebenen Wiese und in einer Art Unterkunft (wahrscheinlich für Angestellte des Restaurants) darf man duschen. Das Wasser war sauber und heiß. Punkt.TR_Ara15
Schon wieder ein wolkenloser Himmel am Morgen, ich erspähe ganz kurz den Gipfel des Ararat und wir machen uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg.
Aber jetzt zeigt uns er uns nur mehr seine kühle Flanke mit frischgefallenem Schnee, den Gipfel gönnt er uns auch heute nicht. Schurke!!!
Unser Ziel ist Kars, für Wolfgang die Stadt seiner (Teppich)träume. Sie wird in jeder Fachliteratur als Zentrum für die Türkischen Teppiche genannt und so erwarten wir uns viele Geschäfte oder Webereien, bzw. Knüpfereien. Direkt im Zentrum gibt es einen guten Parkplatz für uns und wir begeben uns auf die Suche. Kein einziges Teppichgeschäft ist zu sehen, und selbst die Nachfrage bei Passanten ist negativ. Niemand spricht englisch, also halte ich ihnen mein iPad mit dem Übersetzungsprogramm unter die Nase.
Burada halı satın alabilirsınız ?
Ah, halı…. und Achselzucken, das ist alles.
Ich finde endlich jemand mit Englischkenntnissen, er führt uns in einen Juwelierladen, wo im oberen Stock ein paar mickrige Teppiche zum Verkauf angeboten werden. Nicht unser Geschmack und so verlassen wir enttäuscht Kars, nur das Essen in einem kleinen Restaurant mit Mixt Kebab und diversen Saucen und Salaten hat unsere Laune wieder in den Normalzustand versetzt. Kebab hat hier übrigens mit unserem Kebab so viel zu tun wie die Salzburger Nockerl mit Kaiserschmarrn. Unvergleichlich gut.TR_Ara24Und in Kars, das wissen wir jetzt auch, kauft man am Besten – weil hier typisch – frischen „gelben“ Käse, speziellen Honig – oder man lässt sich die Schuhe putzen.TR_Ara21

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TR_Ara22Wir kaufen himmlisch guten Käse, regionalen Honig und putzen uns die Schuhe selber!
Mittlerweile hat es wieder zu regnen begonnen.
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Auf der türkischen Seite, ganz nahe der armenischen Grenze lockt uns noch die ehemalige Hauptstadt der Armenier. Ani ist eine weitläufige Anlage mit Zeugnissen christlicher Kultur.TR_Ani1

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P1010592_bearbeitet-1Wir können wieder im Trockenen marschieren, es scheint sogar ab und an die Sonne. Wolfgang gibt so schnell nicht auf (wie hinlänglich bekannt ;-)) und so fragt er auch beim Wärter nach, wegen Teppiche. Der beginnt zu telefonieren und nach kurzer Zeit kommt ein Auto. Der Mann erklärt uns, dass es ein einziges Teppichgeschäft in Kars gibt und das ist ein Juwelier. Na, da waren wir schon, also können wir das Kapitel abschließen, jedenfalls für diese Region.
Gleich neben der Festung steht ein Haus mit großem Garten. Otopark, also Autoparkplatz und Canpik steht auf der Mauer. Wir fragen, ob wir hier stehen dürfen und in der typischen Freundlichkeit werden wir überschwänglich begrüßt. Jetzt ist es sogar sonnig und warm. Wir packen die Stühle aus und genießen die Abendstille mit wunderbarem Ausblick. Auch der Ararat zeigt sich in der Ferne, es geht schon wieder ein wunderbarer Tag zu Ende.OLYMPUS DIGITAL CAMERADer nächste Tag soll uns über die Grenze nach Georgien bringen. Es gibt keine Möglichkeit von der Türkei aus nach Armenien einzureisen, die Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet. Der Genozid an der Armenischen Bevölkerung wird von den Türken noch immer verleugnet. Bei Massakern und Todesmärschen starben bis zu eineinhalb Millionen Armenier. Erdogan hat sich erst jetzt erstmals zu einer Beileidserklärung „hinreissen“ lassen. Ein trauriges Kapitel.

Wir steuern noch eine Tankstelle an, nicht zum tanken, sondern ich sehe ein WIFI. Mein Bericht über Kappadokien ist noch nicht eingestellt, aber beinahe fertig. Das Internet ist zu langsam, es lädt die Bilder nicht hoch, also lasse ich es. Wir haben ja noch viel vor heute. Der Chef von der Tankstelle spricht etwas deutsch mit schweizer Akzent, er hat ein paar Jahre dort gearbeitet. Wir fragen ihn, ob der kleine Grenzübergang bei Aktas geöffnet ist und er bejaht, auch der Busfahrer, der sich neugierig zu uns gesellt. also auf nach Georgien. Die Straßen sind schlecht hier im Osten der Türkei (dass es da noch Steigerungen gibt, wissen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht!)

Eine Militärkontrolle verläuft überaus freundlich, das Visum wird kontrolliert und gefragt wohin die Reise geht. Für die Vunny hat sich bisher kein Uniformierter interessiert. Jeder kramt etwas Englisch aus der Kiste um ein paar Worte mit uns reden zu können uns schon geht’s weiter.TR_Ge_1Der typische Baustil der Gegend.
Erst über einen Pass mit 2.000 m, dann kommt ein idyllischer See und dann die Grenze.
CLOSED! Sagt uns ein freundlicher Mann beim Schranken, deutet nach rechts und sagt OPEN!
Mehr als diese 2 Wörter Englisch kann er nicht, er klopft noch auf’s Auto und macht den Daumen hoch, es gefält ihm!!
Uns gefällt das weniger, denn wir müssen alles zurückfahren um den Grenzübergang bei Posof zu nehmen.
Bildschirmfoto 2014-10-05 um 06.45.38Auch hier gibt es vorher einen Pass, wir schrauben uns 2.550 m hoch. dann wieder hinunter und wir stehen an der georgischen Grenze. Es regnet die ganze Strecke lang bei 9 Grad brrr….OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Grenzformalitäten sind rasch erledigt, noch einen Blick ins WoKi und wir sind in Georgien. Dort werden wir patriotisch  und mit viiiel Regen begrüßt!GE_1Über Akhaltsikhe fahren wir durch ein enges Tal, der Fluss führt bereits Hochwasser und ich bin heilfroh, als wir das Tal verlassen. Bei Akhalkalaki müssen wir durch riesige Rinderherden, die von berittenen „Cowboys“ getrieben werden. Der Wilde Westen im Nahen Osten!
Bildschirmfoto 2014-10-05 um 08.06.09
Nach ca. 2 Std. stehen wir schon wieder an der Georgischen Grenze, diesmal nach Armenien.
Davon im nächsten Bericht!

Weiterlesen Teil 5 Armenien Süden

2 Comments

  1. Greti Lauss
    5. Juni 2014

    Hallo ihr Abenteurer!
    Eure langen und spannenden Reiseberichte von vielen Erlebnisse auf euren Fahrten durch ferne Länder klingen aufregend und abwechslungsreich.
    Kommt wieder gut nach Hause, bei uns ist der Sommer eingezogen!
    Liebe Grüße Greti und Franz

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    • Maria
      11. Juni 2014

      Ganz liebe Grüße zurück ins Mühlviertel!

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